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Treibhaus II - Kulturen des Sendens und Empfangens
 
Großtrichter
Ein temporäres künstlerisches Labor im GLASHAUS im Paradies vom 1. bis 24. August 2007

Ekkehard C. Engelmann, Bildender Künstler, Jena

Labor – ein Konzept des Wachsens

Im Sommer 2006 hat das GLASHAUS im Paradies nachgewiesen, daß es ein Treibhaus ist. Die akustische, laborativ-hermetische Trennung von Produzenten und Rezepienten bei bestehenbleibender optischer Verbindung war Quelle für mannigfaltiges Sinnestreiben.
Der Nachhall dieses Projektes hinterlegte bei mir schon kurz nach Abschluss den Wunsch nach Fortsetzung. Die Idee, aus dem GLASHAUS ein kulturelles Treibhaus zu machen, verbirgt noch viele umsetzungswürdige Facetten.
Grundgedanke von Treibhaus II ist die Nutzung des GLASHAUSes als Gewächshaus, in dem kommunikative Jungpflanzen unter öffentlicher Beobachtung plastisch gezüchtet werden sollen.

Die Luft ist erfüllt von Funksignalen und Nachrichten, unsichtbare Netze sind gespannt, wären sie sichtbar, wir hätten ein dichtes Gewirk um uns herum. In diesen Netzen und Funkkanälen jagen sich Zeichen, große Mengen in kürzesten Zeiten. Das erzeugt Rauschen.
Der Mensch bewaldet sich medial, um am Rauschen teilzuhaben. Ein Dickicht wächst. Die üblichen Kommunikationsapparaturen sind ihrer Form nach auf uns selbst zurückgerichtet: Bildschirme, Kopfhöhrer, Telefone etc... Sie zeichnen eine Landkarte der entlegenen Inseln. Virtualität bedeutet Ferne, wir aber wollen Nähe. Virtualität verleiht uns Flügel, Sinnlichkeit und Erinnerlichkeit bleiben am Boden zurück.

In einem zweiten Feldversuch möchte ich Parallelentwürfe zum üblichen Kommunikationsinstrumentarium entwickeln, die der Struktur unserer kulturellen Grundtechnik des Sendens und Empfangens wieder näher sind. Ich möchte eine Ansammlung plastischer Skizzen erstellen, die ein dreidimensionales Herbarium ergeben, in dem Fundstücke einer Expedition ins kommunikative Urstromtal dokumentiert werden.

Das GLASHAUS im Tal der Saale (ein Urstromtal der Elsterkaltzeit) ist dafür der ideale Arbeitsraum. Er ist von allen Seiten für das Parkpublikum einsehbar, es käme eine spannende work-in-process-Situation unter ständiger Beobachtung zustande. Die Züchtung der Verständigungsgewächse wäre gleichzeitig intim und öffentlich, so wie auch Kommunikation beides sein kann. Arbeitsergebnisse bzw. -zustände bieten direkt Anlässe zur Konversation. Ziel ist eine begehbare Gewächshausszenerie am Ende des angebenen Zeitraumes.

 
Tundra – eine Geographie der Nähe
 
Ein medialer Wald wächst zwischen den Menschen, behelmt und beladen mit allerlei Gerät zur Beschleunigung des Daseins. Die Apparaturen formen eine zweite Haut, einen Taucheranzug zum Absinken ins temperaturlose Datenmeer. Der Anzug panzert und kapselt, er wirft auf uns selbst zurück. Es zeichnet sich eine Landkarte der entlegenen Inseln. Der Entdecker wird zum Fallensteller. Virtualität bedeutet Ferne, wir aber wollen Nähe. Virtualität verleiht uns Flügel, Sinnlichkeit und Erinnerlichkeit bleiben am Boden zurück, räumliche und zeitliche Grenzen werden pulverisiert. Punktuniversum.
Beschleunigung erzeugt Reibung, unsere Gesellschaft ist erhitzt und schwitzt. Schmelz- und Schwitzwasser fließen in Tiegeln zusammen, vernetzt durch dünne Adern. Je nach inneren Temperaturen und nach äußeren Wettern trocknen sie aus oder schwellen zu Strömen an. Fließen erzeugt Rauschen. Alle wollen Sender sein und Taucher dazu, die Köpfe bewaldet und die Sinne, die Körper geharnischt, um am Rauschen teilzuhaben. Babel.
Vernehmbar ein Pulsen und Leuchten, es strömt und schwingt, Dickicht wächst und schwitzt, das Rauschen webt sich, schlingpflanzt sich, ein lautes, fanggeschaltetes Werben für die schönste Blüte, für den buntesten Schnabel, Regenwald.

Gleich nebendran dehnt sich eine Tundra, unerforschte Region, im Kleinen und in nächster Nähe. Mit Schneeschuhen eine Spur, dem Schwitzwasser nach, zu gehen zwischen standhaften Gehölzen - Verstecke finden, Zelte spannen - das Streichen, Wehen braucht vorort Empfänger, dicht dran mit Membranen Signale fangen, ein junges Rauschen draus zu bauen, ein Tuten und ein Blasen auch, ein Treibhaus zu errichten, in dem man heimisch wird und seltenen Vögeln lauscht, im Grasesdickicht Gehörgänge belüften. Frische Synapsen sollen keimen und andere außerdem, die, ohne viel Gerät, Herzen schrittmachen und Adern weit, Fühler sollen wachsen zum Begreifen einer wirklicheren Welt.

Fruchtbare Ablagerungen werden gebraucht, tragfähig für einen Feldversuch mit der Experimentalanordnung eines kommunikativen Urstromtals. Kulturen, die der Struktur unserer kulturellen Grundtechnik des Sendens und Empfangens wieder näher sind, sollen wachsen und ein dreidimensionales Herbarium füllen, einen kurzen aber reichen Sommer nutzend.

 
 
 
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